Aktionsbündnis Psychotherapie 

Göttinger Gruppe

Faktencheck

Tatsächlicher Verlustrechner für uns: 

https://www.psychotherapieverbund.de/rechner

Gegendarstellung: 

https://www.psychotherapieverbund.de/gegendarstellung

Richtigstellung: Die „190.000-Euro-Lüge“ – Realitätscheck für eine gefährdete Patientenversorgung


In der aktuellen Debatte um die Honorarkürzungen bei Psychotherapeut*innen verbreiten die Krankenkassen Zahlen, die nicht nur fiktiv sind, sondern die wirtschaftliche Realität ambulanter Praxen völlig ignorieren. Es ist Zeit für Fakten statt politischer PR-Manöver.


1. Umsatz ist kein Gewinn: Die Last der Selbstständigkeit


Die oft genannten 190.000 Euro Jahresumsatz sind ein theoretisches Konstrukt (damals zur Einführung der Berufsgruppe ins Gesundheitssystem nur geschätzt). In der Realität liegt der Reinertrag (Einnahmen minus Betriebskosten) laut Statistischem Bundesamt im Schnitt bei etwa 61.000 € bis 97.000 € – und zwar vor Steuern.


Volle Eigenverantwortung: Wir finanzieren unsere Altersvorsorge, Kranken- und Pflegeversicherung sowie die Absicherung gegen Berufsunfähigkeit zu 100 % selbst.

Haftungsrisiken: Als Praxisinhaber*in tragen wir die volle rechtliche Verantwortung und „Verklagbarkeit“ – nicht nur für die Therapie, sondern zunehmend für komplexe IT- und Datenschutz-Themen (Telematikinfrastruktur), die in anderen Branchen von spezialisierten Abteilungen übernommen werden.


Unrentabilität: Bei diesem enormen Verantwortungs- und Risikoprofil würde jeder andere hochqualifizierte Selbstständige (z.B. IT-Berater, Ingenieure) deutlich höhere Honorare verlangen. Bleibt das Einkommen auf dem aktuellen Niveau, lohnt sich das Modell „eigene Praxis“ für den Nachwuchs schlichtweg nicht mehr.


2. Das 36-Stunden-Phantasma: Fließbandarbeit statt Qualität

Die Kassen kalkulieren mit 36 Behandlungsstunden pro Woche (basiert auf der fiktiven Schätzung von damals). Eine Therapiestunde (50 Min.) erfordert jedoch Vor- und Nachbereitung, Dokumentation, man schreibt noch aufwendige Berichte, braucht Intervision, Fortbildungen, Telefonsprechzeit, öfter werden Befunde angefragt (alles verpflichtet): Es hängt ein ganzer Admin-Job mit dran, den die Kassen hier nicht nennen.

Wer 36 Stunden therapiert, arbeitet real 60 Stunden pro Woche.

Die Mehrheit der Kolleg*innen leistet zum Schutz der eigenen Gesundheit und der Behandlungsqualität etwa 18 bis 25 Stunden am Patienten.

Die Forderung nach mehr „Output“ ignoriert die psychische Belastungsgrenze in einem Beruf, der täglich Höchstleistung in Empathie und Krisenintervention verlangt. Es gibt einen Strukturzuschlag, der bei genug Patienten pro Woche gezahlt wird und damit pro Monat eine „halbe MTA Stelle“ finanzieren soll bei halben Sitzen (die Meisten Kolleg*innen arbeiten auf halben Sitzen). Allerdings fällt der sofort kleiner aus, wenn man diese Wochenstunden wegen Urlaub und  Krankheit nicht geschafft hat und ist damit sehr fragil. Die meisten Therapeut*innen haben darum keine (halbe) MTA.


3. Nullrunde statt Inflationsausgleich

Entgegen der Darstellung der Kassen gab es in den letzten Jahren keinen echten Reallohnzuwachs. Die minimalen Punktwertanpassugen deckten oft nicht einmal die Inflation und die massiv gestiegenen Betriebskosten (Miete, Energie, Software). Psychotherapeut*innen haben damit real jedes Jahr weniger Geld zur Verfügung, während die Anforderungen stetig wachsen.


4. Honorarkürzungen sind Versorgungskürzungen

Kürzungen von den geforderten bis zu 10 % in einer Phase massiver Inflation sind kein „Sparen im System“, sondern ein direkter Angriff auf die Existenzfähigkeit ambulanter Praxen. Wird dieser Kurs fortsetzt, wird die ohnehin schon prekäre Versorgungssituation für Patient*innen weiter eskalieren, da Praxen schließen oder keine Nachfolger finden.


Fazit: Wir fordern eine Debatte auf Basis realer Wirtschaftsdaten. Psychotherapeut*innen leisten eine hochspezialisierte Arbeit mit enormer Verantwortung – es ist Zeit, dass dies auch finanziell fair und wertschätzend abgebildet wird.